Carsten Schubert - 100 % Leben. Meine Geschichte

100 % Lebensfreude

Meine Geschichte beginnt wie deine Geschichte. 

Wir sind geboren mit 100 % Inspiration, Begeisterung und Lebensfreude im Blut. Wir konnten lachen, tanzen und voller Staunen im JEDEM Augenblick aus vollen Zügen Leben. 

Danach hat die Erziehung uns aus unserer ursprünglichen Form in eine Norm gezogen. Wir sind geprägt von der Region, der Sprache und den Bräuchen der Gesellschaft, in der wir groß wurden.

Meine Wurzeln liegen im Ost-Erzgebirge, geboren bin ich in Glashütte.

Meine Mutter stammt aus einer Familie von Zeitungsmachern. 

Mein Vater stammt aus einer Handwerkerfamilie. 

Wie der Vater, so der Sohn.

Mein Vater wollte alles vom Leben und hat es in vollen Zügen genossen. Er lernte ein Handwerk, studierte später und wurde Trainer. Das Skifahren in allen Varianten war seine Leidenschaft. 

Als ich fünf Jahre alt war, stellte er mich auf seine alten Wasserski und zog mir seine Schwimmweste an. Schwimmen konnte ich nicht. 

Er sagte "Keine Angst, stell auf die Bretter, bleib locker in den Knien und halt dich fest." 

Ich verlor meine Angst und gewann meine Freude am Skifahren.

Als junger Mann lernte ich ein Handwerk, studierte später und bin heute Trainer. 

100 % Begeisterung

Mit acht Jahren lernte ich die Begeisterung für den Start. 

Der Neubeginn, das Ringen um beste Leistung, das Messen am Kameraden und die Fairness im Umgang miteinander prägten mich tief. 

Ich war nie ein Sieger. Gewonnen habe ich nur gegen mich selbst. Das Aufgeben war keine Option. 

"Dabei ist alles" sagte mein Vater, "du musst heute nur besser als gestern sein. Es geht darum, 100 % zu geben. Dann wächst du über dich hinaus."

Gib dein Bestes, gib nie auf.

Diese Glaubenssätze prägten mich tief.  

Als Heranwachsender wurde ich Leistungssportler im Biathlon, wie mein Vater. In der Woche Training, am Wochenende Wettkämpfe in der Region. Das ganze Leben war durchdrungen vom Sport. 

Vaterwunde

Mein Vater war ein Kriegskind. Er gehörte zu einer Generation, die viel Leistung und wenig Schwäche zeigte. 

Seinen letzten Abend verbrachte er mit Kollegen auf einer Dienstreise. Am nächsten Morgen fuhr er mit seinem Trabant auf der Autobahn nach Hause. 

Es war ein heißer Sommertag, die Mittagshitze flirrte und seine Augen wurde schwer. Anhalten und Gymnastik machen? Keine Option für Männer wie ihn. Es muss weitergehen. Pause machen nur Schwächlinge - so mag er gedacht haben. Den LKW mit Reifenpanne auf seiner Fahrspur sah er nicht. 

Sekundenschlaf. Er starb sofort mit 32 Jahren, ich war neun.

Den Verlust meines Vaters habe ich erst nach fast vier Jahrzehnten in seiner Größe erfassen und seiner Tiefe betrauern können. 

Die Schatten seines Verhaltens verbanden mich im Groll mit ihm. 

Ich hatte Schwierigkeiten mit Vorgesetzten, vermutete in jedem Kollegen Konkurrenz und war im Leistungsmodus unterwegs.

Erst im 47. Lebensjahr traf ich einen Lehrer der mir sagte: 

"Du hast eine Vaterwunde. Du hast Angst davor, deinen Schmerz über den Tod deines Vaters zu spüren. Unter deiner Wut wartet die Trauer und unter deiner Trauer schlummert deine Kraft." 

Diese Begegnung führte mich auf den Weg des Friedens.

Heute kann ich die tiefe Liebe meines Vaters und all meiner Großväter in jeder Zelle spüren. 

Danke dafür. 

100 % Freude am Beruf

Als ersten Beruf lernte ich das Tischlerhandwerk. Der Vater meines Vaters nahm mich mit in eine Werkstatt und sagte: "Junge, lern erst mal einen richtigen Beruf, studieren kannst du später immer noch." 

Mit großer Freude lernte ich den Umgang mit hochwertigem Werkzeug und schönem Material. Diese Fertigkeiten konnte ich später in neue Lebensbereiche übertragen. 

Das Arbeitsklima war trotz feinster Furniere und edelster Hölzer angespannt. Ich mochte die schlechte Laune meiner Kollegen nicht und hatte keine Ahnung, woran das lag. 

Niemand konnte 100 % geben, die Energie war in Abteilungszwist und Konkurrenzkämpfen zu großen Teilen gebunden. 

Nach der Lehre und dem Wehrdienst machte ich Abitur auf dem zweiten Bildungsweg. 

Ich wollte mehr lernen und verstehen, wie gutes Arbeitsklima und Freude am Beruf zusammen möglich sind. 


100 % Freiheit

Im Sommer 1990 lernte ich auf der Chinesischen Mauer sitzend, dass jeder Wall seine Macht im Lauf der Geschichte verliert und seine Bedeutung sich im Fluss des Lebens auflöst. 

Als neufreier Ostgeborener brachte der Fall der Mauer in Deutschland auch meinen Illusion vom "richtigen Leben" zu Fall.

Ein Reisender in einem Backpacker-Hotel in Peking sagte zu mir: "Wenn du verstehen willst, warum Planwirtschaft nicht funktioniert, dann musst du Ökonomie studieren."

Guter Plan, dachte ich. Nach der Reise begann ich das Studium der Wirtschaftswissenschaften an der Universität in Dresden. 

Die neue Freiheit machte es möglich. Danke dafür. 

100 % daneben

In der ersten Vorlesung zur Betriebswirtschaft sagte der Professor: 

"Willkommen im Studiengang Wirtschaftswissenschaften. Eines will ich gleich klarstellen: Der Sinn einer Unternehmung ist die Gewinnmaximierung. Gefühle spielen im Wirtschaftsleben keine Rolle. Haben sie das verstanden?" 

Ein Raunen ging durch die Menge und ich dachte: 

Ich glaube dir kein Wort, Bruder. 

Warum gründet ein Tischlermeister, der Freude an Möbeln und einen feinen Sinn Ästhetik hat, eine Firma? Weil er schöne Möbel bauen und seine Freude an Schönheit teilen will. Weil er Spaß an der Arbeit hat. Weil er einen Sinn darin sieht. Weil er als Unternehmer seine Kreativität einbringen und sich ausdrücken kann. 

Ein Handwerker mit Herz wird nie eine Firma gründen, um Gewinn zu maximieren. Er will Freude maximieren. Das Geld ist nur das Werkzeug, um diese Freude weiterzugeben. 

Aber du bist der Professor, von dir soll ich lernen wie Ökonomie richtig funktioniert. Dann will ich dich verstehen lernen. 

Ich frischte mein Französisch auf und durfte nach dem Vordiplom mit einem europäischen Stipendium an einer privaten Hochschule in Angers/Frankreich ein Jahr studieren. 

Die Begeisterung für Psychologie und Marketing erfasste mich, das Studium begann Spaß zu machen.

Zurück in Deutschland galt es, die Fächer für das Hauptstudium festzulegen. Meine alten deutschen Studienfreunde waren echte Kämpfer, sie wollten "richtige Betriebswirte" werden. 

Marketing und Psychologie im Hauptstudium? 

"Das ist eine Hausfrauenkombination" sagte einer der Jungs. 

"Ein richtiger Betriebswirt muss den Finanzteil der Frankfurter Allgemeinen Zeitung einatmen und jede Bilanz wie einen Kriminalroman lesen können."

Mist. Ich wollte doch "richtig" sein. Meine innere Führung protestierte, doch ich wählte einem unbewussten Leistungsmuster folgend Finanzwirtschaft und Controlling. 

Überhaupt nicht mein Ding, aber aufgeben war keine Option.

Im Sommer 1996 fand ich mich als Sachbearbeiter in eine Bank wieder. Meine innere Stimme sagte: Carsten, du bist falsch abgebogen auf deinem Lebensweg. 

100 % daneben. 

Es war bitter, das zu erkennen. Ich hatte den Kontakt zu meiner inneren Führung verloren und war den Einflüsterungen meiner Umgebung gefolgt. 

Ich kündigte den Vertrag und suchte einen andern Job.

Eine fette Krise brach über mich herein, ich brauchte neue Orientierung. 

Neben der Arbeit machte ich Sport, las viel und suchte nach Weiterbildungen im Internet. Der alte Wunsch nach einem besseren Verständnis der Geheimnisse der menschlichen Psyche brach sich erneut seine Bahn. 

Nach drei Jahren war ich reif für den nächsten großen Schritt. 

Abbruch

Meine innere Stimme sagte sehr klar: "Wenn du wissen willst wer du wirklich bist, musst du neu anfangen. Neue Stadt. Neuer Job. Neue Freunde."

Also kündigte ich meine Wohnung in Dresden, gab ein Abschiedsfest für meine Freunde und packte einen Anzug und fünf Umzugskisten in mein Auto.

Am 6. Juni 2000 begann das Abenteuer.

Das alte bekannte Leben im Osten tauschte ich gegen ein neues unbekanntes Leben im Westen.

Mein Ziel war Frankfurt am Main. Bei einem Freund konnte ich auf dem Sofa übernachten. In den folgenden zwei Wochen suchte ich mir einen Bürojob und ein WG-Zimmer. 




Aufbruch

Mein Ziel war Frankfurt am Main. Bei einem Freund konnte ich auf dem Sofa übernachten. 

Am nächsten Tag suchte ich mir einen Job in der Stadt. Ich verteilte bei vier Zeitarbeitsfirmen meine Mappe und konnte zwei Wochen später als Kundenbetreuer bei DuPont in Neu-Isenburg anfangen. Zwei weitere Wochen später fand ich ein WG-Zimmer

Ein guter Start, jetzt war Zeit und Geld für die nächsten Projekte frei.




Umbruch

Mit meinem ersten Gehalt begann ich meinem Traum ein Stück näher zu rücken. Ich absolvierte neben der Arbeit eine Ausbildung zum Psychologischen Berater an der ALH (Akademie für ganzheitliche Lebens- und Heilweisen) und lernte die Kunst der Personzentrierten Gesprächsführung nach Carl Rogers. Es ist Handwerk und Segen ein Gespräch so zu führen, dass sich der Gesprächspartner gesehen und verstanden fühlt. Eine wirkliches Geschenk. 

Die Abschlussprüfung legte ich mit Note 1 ab, ein Zeichen dass ich auf dem richtigen Pfad war. 

Der Ausbilder sagte zum Schluss: "So, jetzt können Sie eine Praxis für Psychologische Beratung eröffnen und mit kranken Menschen arbeiten."

Darauf hatte ich keine Lust. Ich wollte mit gesunden Menschen arbeiten, zumindest mit solchen die sich dafür halten. Ich behielt meinen Bürojob und folgte einfach der Lebensspur. 





Durchbruch

Der Ausdauersport half mir, innere und äußere Grenzen zu durchbrechen.

Das Laufen machte mir Freude und nach dem ersten Marathon folgten längere Distanzen bis zu 100 km. 

Im Triathlon schaffte ich den IRONMAN und im Sommer 2003 bekam ich die Gelegenheit, all meine Erfahrung im längsten Radrennen Europas einzubringen. 

Die Bewältigung der Distanz Paris-Brest-Paris über 1225 km in 89 Stunden schenkte mir das Schlüsselerlebnis, auf das ich sieben Jahre gewartet hatte. 

Es erfasste mich nach der vierten durchfahrenen Nacht am Morgen beim Rollen durch eine Nebelbank. Ich war allein und der Nebel riß kurz auf. Die Sonne schien mir für einen Augenblick direkt ins Gesicht, gleichzeitig hörte ich das Muhen einer Kuh. 

Wie ein Blitz durchfuhr mich eine Energie von unbekannter Intensität. Ein unfassbares Glücksgefühl durchströmte meine Körper. Ich sah die Schönheit der Wiese, die Anmut der Bäume und begann laut zu weinen.

Ich fühlte mich verbunden mit allem. Tief geborgen im Schoß der Natur,  dem Augenblick und der Ewigkeit.

Nach einigen Kilometern erreichte ich ein kleines Dorf. Es war sieben Uhr am Morgen und eine Bar hatte geöffnet. Der Duft von frisch gemahlenem Café strömte mir in die Nase. So eine Schönheit! Zu schön, es auszuhalten. Wieder begann ich zu weinen und fuhr weiter, wollte die Tränen nicht zeigen. 

In den folgenden Stunden erschien mir in kristallklarer Klarheit vor meinem geistigen Auge, wie mein Weg in den nächsten Jahren aussehen sollte. 

Eine Offenbarung der höheren Macht.

Eine Woche später bewarb ich mich an der Fachhochschule Frankfurt an der Fakultät Sozialwissenschaften. Den Eignungstest bestand ich und studierte neben dem Vollzeitjob für drei Jahre nebenberuflich Coaching und Supervision.